im gespräch

Johannes Müllner in Interviews und Diskussionsveranstaltungen:

Was bewog Sie, sich mit dem Aussiedelungsgebiet und seinen Sakralbauten zu befassen?

Schon als Kind hörte ich bis in meinen Heimatort Unter-Windhag bei Schweiggers im Waldviertel das Schießen auf dem Übungsplatz. Viele Aussiedler kamen in die mir vertrauten Orte Rieggers, Unter-Windhag und Schweiggers. Ab dem 9. September 1940 ging ich mit Aussiedlerkindern in die Schule. Ihre Eltern erzählten, sie wären zwar für ihren Besitz in der Alten Heimat gut entschädigt worden, hätten aber "unbeschreibliches Heimweh", besonders zu Allerheiligen und Allerseelen. Der Schmerz der Ausgesiedelten über den Verlust ihrer alten Heimat hat sich in meiner kindlichen Seele damals schon tief verwurzelt...

Im Sommer 1943 kam ich als Kind, kaum neun Jahre alt, in das Gebiet des Truppenübungsplatzes, mein Vater mußte eine Fuhre Klee liefern... Im Herbst 1945 mußte ein Mann, der gut russisch sprach, aber ein deutscher Kommunist war, zu den Sowjetsoldaten in Gerotten. Da sich niemand getraute, fuhr ich - noch keine elf Jahre alt - mit unserem alten Pferd und dem Bretterwagen über Zwettl nach Gerotten... Da mehrere Verwandte sich später mit Aussiedlern vermählten, wurde ich praktisch auch ein Angehöriger von ihnen ... Am 12. August 1982 begann ich endgültig mit der Erforschung der Sakrallandschaft auf dem Gebiet des ganzen Truppenübungsplatzes.

Wie kamen Sie auf die Idee, Bücher über die Sakrallandschaft am Truppenübungsplatz zu schreiben?

Seit 1972 bin ich in der Heimatforschung tätig. Zuerst habe ich die Geschichte meiner zwei Pfarren, Kattau und Roggendorf, bearbeitet und eine Biographie über den 1868 im Ruf der Heiligkeit verstorbenen Pfarrer Michael Brenner neu verfaßt. Auch bin ich als Schreiber von Artikeln in Fachzeitschriften über die Geschichte meiner Pfarren bekannt. Aufgrund von Kindheits- und Jugenderlebnissen mit Aussiedlern begann ich 1982 mit der Erforschung der Sakrallandschaft auf dem Gebiet des heutigen Truppenübungsplatzes und des Gebietes, das seit 1959 der Windhagschen Stipendienstiftung gehört.

Sie sind also eigentlich als Heimatforscher in die Sakrallandschaft des Übungsplatzes gegangen, nicht so sehr als Priester?

Ja, das stimmt genau! Nur ist in mir halt mit der Zeit auch der Priester erwacht, besonders als ich die Kirchenruinen und die Friedhöfe betreten durfte. Ich dachte an die noch lebenden Angehörigen derer, die auf verwahrlosten Friedhöfen ruhen. Ich dachte an die noch lebenden Aussiedler, die in diesen einstigen Pfarrkirchen getauft wurden, die erste hl. Kommunion empfingen und Sonntag für Sonntag hier sich Kraft für den Alltag holten. Ich dachte an die Aussiedler, die vor den jetzt noch bestehenden oder wieder restaurierten sakralen Standbildern nicht achtlos vorbeigefahren sind, sondern ein Kreuzzeichen oder sonst ein Zeichen ihres Glaubensbekenntnisses (Abnehmen des Hutes, Verneigen) gemacht haben. Das Aussiedlungsgebiet war hinsichtlich seiner Sakralbauten einst eine reiche, blühende Landschaft.

Das heißt, Sie sind von den Toten gleichsam zu den Lebenden gekommen?

Ja, das stimmt jetzt schon in mehr als 40 Fällen. Das gilt für alle 4 Friedhöfe auf dem Gebiet des heutigen Übungsplatzes Allentsteig.

Weshalb gaben Sie Ihren Büchern den Titel Die entweihte Heimat ?

Entweiht möchte ich auch im weitesten Sinn verstanden wissen. Zum Beispiel: entsiedelt, zerstört, zweckentfremdet, einem profanen Zweck dienend.

Ihr Interesse richtet sich offensichtlich allein auf die Sakralgebäude am Tüpl, nicht auf militärische Übungsgebiete. Gibt es überhaupt Gebäude, die profaniert oder zweckentfremdet sind?

Als ein Beispiel für profaniert fällt mir die Kapelle in Wurmbach ein. Sie dient dem Bundesheer als Lager für eine Stecksperre und wird deshalb erhalten.
Eine solche Verwendung hätte ich mir auch für die Kirchen von Groß-Poppen, Oberndorf und Edelbach und viele Kapellen gewünscht - dann hätten sie wohl ein anderes Schicksal genommen...

Aus welchem Grund sind Sie an der Erhaltung der Ruinen so sehr interessiert?

Die Ruinen sind DENKMÄLER. In vielen Fällen könnten Bildhauer kaum ein Denkmal schaffen, das so erschütternd wirkt. Mich haben im August 1982 die Ruinen des ehemaligen Schlosses von Groß-Poppen, von Westen her gesehen, tief erschüttert. Leider sind gerade diese Ruinen seit dieser Zeit um mindestens einen Meter niedriger gemacht worden.
An der Erhaltung der Ruinen als Denkmäler sind vor allem die Aussiedler selbst interessiert. Ich will mich da überhaupt nicht so wichtig nehmen. Wichtig ist das Interesse der Aussiedler.

In dem Wort DENKMAL ist ja die Aufforderung DENK (EIN)MAL NACH! enthalten: Denkt an die, auf deren Grund und Boden Ihr üben könnt!

Im Jahre 1975, dem Jahr des Denkmalschutzes, stellte das Bundesdenkmalamt bereits die ersten Geldmittel zur Verfügung für die Sicherung von Ruinen ehemals bedeutender Bauten im Bereich des Tüpl Allentsteig, die vor allem in Döllersheim eingesetzt wurden. In Döllersheim wurden Ruinen zu Denkmälern. Also lange bevor ich auf diese Idee kam, wurde - Gott sei Dank - dort schon konserviert.

Für den rein militärisch denkenden Menschen ist doch der Truppenübungsplatz zuerst einmal reines Zweckgebiet?

Ja, zuerst einmal. Im Oktober 1985 bestellte bei mir ein Hauptmann ein Exemplar meines Buches Die entweihte Heimat. Er schrieb unter anderem: Außerdem sind die darin enthaltenen Informationen der Geschichte des Truppenübungsplatzes, vor allem in sakraler Hinsicht, für die Einweisung der Soldaten sehr wertvoll.

Ich meine, es müßte doch möglich sein, die Ruinen als Denkmäler zu konservieren und bei militärischen Übungen möglichst zu schonen. Ich weiß, daß unsere Soldaten den Auftrag haben, sakrale Standbilder bei den Übungen nicht zu zerstören.

Sind die sakralen Standbilder nicht reine Vermessungs- bzw. Orientierungspunkte auf der Landkarte geworden?

Sicher werden sie auch der Orientierung dienen, aber das ist bestimmt nicht der primäre Zweck, warum das Bundesheer und natürlich auch die Windhagsche Stipendienstiftung Bildstöcke und Marterl renoviert oder sogar wiedererrichtet. Orientierung für den Alltag von uns Christen sollen die Bildstöcke und Marterl auf alle Fälle sein.

Lohnt es sich, alle Ruinen zu konservieren?

Lohnend wäre es, aber möglich nur noch bei den wertvollsten Ruinen. Die erhaltungswürdigste Ruine ist zweifelsohne die Kirche von Oberndorf. Die Rundbogenfenster werden von Fachleuten auf ca. 1170-1180 datiert - das wäre rund dreißig Jahre nach der Gründung der großartigen Klöster Zwettl und Altenburg! Es ist Zeit, endlich mit dem Sanieren zu beginnen.

Sind Ihnen Aussiedler persönlich bekannt?

Es sind derzeit an die 400 Aussiedler, die ich größtenteils persönlich kenne oder mit denen ich in Kontakt bin. Manche sind nur etwas älter als ich, also um die 60 Jahre alt, manche sind aber schon über 80 Jahre alt, einer sogar über 90.

Veranstalten Sie selbst Aussiedlertreffen oder Allerseelenfeiern?

Nein, das ist nicht der Fall. In Döllersheim war am 2. November 1996 bereits zum 39. Male eine Allerseelenfeier. Veranstaltet wurde dieses Totengedenken der Aussiedler im Lauf der Jahre vom Verein der Freunde der Alten Heimat, vom Kameradschaftsbund Allentsteig, von der Pfarre Allentsteig und von der Bundesgebäudeverwaltung Allentsteig. Einige Male habe ich eine Einladung zur Konzelebration des Gottesdienstes erhalten.
In Oberndorf war am 3. November 1985 die erste Allerseelenfeier. Sie wurde vom NÖ Bauernbund, Ortsgruppe Groß-Globnitz, und von den Feuerwehren der Umgebung veranstaltet. Der einzige noch lebende Priester aus der Pfarre Oberndorf weihte das neue Friedhofskreuz. Ich wurde eingeladen, mit ihm die hl. Messe als Requiem zu feiern und eine Ansprache zu halten.
Die Aussiedlertreffen kenne ich erst seit 1985. Am 30. Juni 1985 wurde ich vom Veranstalter, der FF-Alt-Pölla, dorthin eingeladen, mit dem Ortspfarrer die hl. Messe zu feiern und eine Ansprache zu halten. Die anderen Aussiedlertreffen fanden meist in Allentsteig statt. Sie wurden von der Familie Schiller in Zusammenarbeit mit der Stadtpfarre Allentsteig unter Pfarrer Josef Nowak vorbereitet.

Hätte nicht auch das Bundesheer die Pflicht, die vier Friedhöfe auf dem Gebiet des Truppenübungsplatzes zu pflegen?

Schon 500 Jahre vor Christi Geburt sagte der chinesische Staats- und Sittenlehrer Konfuzius: "Die Kultur eines Volkes erkennt man daran, wie es die Gräber seiner Ahnen pflegt." Unser Bundesheer hat denselben Grund und Boden zur Verfügung, der einst den Menschen gehörte, die auf den vier Friedhöfen bestattet sind. In dieser Hinsicht sind die Verstorbenen die AHNEN unseres Bundesheeres. Darum wäre es bestimmt pietätvoll, wenn das Bundesheer die Friedhöfe derer pflegte, auf deren Grund und Boden es jetzt übt.

Würden Sie dem Ausspruch zustimmen, "am Tüpl sind Grabkreuze die geographischen Punkte, um die sich das Leben dreht"?

Ich würde sogar noch hinzufügen: "Wo Grabkreuze, Kreuze, Bild-stöcke und Marterl die geographischen Punkte sind, um die sich das Leben dreht."

Dann ist Groß-Poppen in dieser Hinsicht leblos geworden, weil es dort keine Grabkreuze am Friedhof mehr zu sehen gibt?

Ganz richtig, es gibt dort keine Grabkreuze zu sehen. In Wirklichkeit wären unter dem Schutt, der über dem Nordteil des Friedhofes liegt, demolierte Kreuze, zerschossene Grabtafeln und Reste von Grabsteinen zu finden. Auch das hölzerne Missionskreuz, das im Jahre 1959 noch an der Außenwand der Kirche war, wird unter dem Schutt - wahrscheinlich schon fast verwest - begraben sein.

Am 26. August 1985 entdeckten ein Diplomingenieur von der Hochschule für Geodäsie in Wien und ich die schmiedeeisernen Friedhoftüren in der Nordmauer des Friedhofes. Die Türen ragten ganz leicht aus dem Schutt heraus, sie sind ganz verunstaltet. Auch der Grabsteinrest mit Inschrift von Pfarrer Nigischs letzter Ruhestätte wird unter dem Schutt begraben sein. Der Grabstein, der zuletzt im Jahre 1961 über dem Grab der Mutter von Herrn Alois Schiller wiedererrichtet wurde, ist unter Schutt begraben. Ein Grabkreuz gibt es seit 1984, errichtet durch die Familie Schiller im ehemaligen Keller des Hauses Schäffer-Floh. Auch über dem Keller weist ein kleines Kreuz auf diese Gedenkstätte hin, die natürlich kein Ersatzfriedhof sein kann. Der als Gedenkstätte eingerichtete Keller ist aber bereits zu einem Ort der Selbstfindung der ehemaligen Pfarre Groß-Poppen geworden.

Wieviele Kapellen gab es denn überhaupt zur Zeit der Entsiedelung auf dem Tüpl Allentsteig?

Die Frage ist etwas ungenau gestellt, denn zur Zeit der Entsiedelung war es ja der Truppenübungsplatz DÖLLERSHEIM, der von August 1938 bis 1942 angelegt wurde. Zur Zeit der Zwangsentsiedelung gab es auf diesem Gebiet 35 gut erhaltene Kapellen. Gut bzw. relativ gut erhalten sind heute nur mehr acht (!) Kapellen: Steinbach, Dürnhof, Ottenstein (Barockkapelle), Germanns bei Neu-Pölla, Nondorf, Wetzlas (Schloßkapelle), Pötzles und Zierings. Erwähnen möchte ich noch die Schloßkapelle in Waldreichs, die zur Zeit der Zwangsaussiedelung einer verbrannten Trümmerstätte (Die Alte Heimat, S. 278) glich, die aber von der Windhagschen Stipendienstiftung seit 1984 wiederaufgebaut wird. Es standen bis zu dieser Zeit nur die Mauern. Auch der Altar ist zerstört. Erhalten sind jetzt noch die Kapellen in Wurmbach und in Neunzen.

Die acht Kapellenruinen auf dem Gebiet des ehemaligen Truppenübungsplatzes Döllersheim wurden von Ihnen bereits aufgezählt. Könnten Sie diese Kapellenruinen nach dem Grad ihrer Ruinenreste reihen?

1. Nieder-Plöttbach, 2. Mest-reichs, 3. Loibenreith, 4. Thaures, 5. Riegers, 6. Oberndorf (Brünnl-kapelle), 7. Klein-Motten, 8. Eichhorns.

Die Brünnlkapelle in Oberndorf würde ich nach dem Grad ihrer Bedeutung als Wallfahrtsort (Heilwasser) vielleicht doch an die erste Stelle setzen, dem Bauzustand nach vielleicht doch besser nach Mestreichs als erst nach Riegers.

Jetzt haben Sie 10 Kapellen und 8 Kapellenruinen aufgezählt. In welchem Zustand befinden sich denn die übrigen 17? Könnten Sie auch diese nach dem Erhaltungszustand reihen?

Leider ist dies nur bei 7 Ruinenresten möglich:

1. Felsenberg (Ruinenreste, davor zwei Kastanienbäume, teilweise noch runde Apsismauer)
2. Rausmanns (SW-Seite Mauerreste, ca. 1m hoch, Erdaufwurf an der runden Apsisseite; Bäume vor der ehemaligen Kapelle wegen Schießbahn umgeschnitten)
3. Wildings (Keine Mauerreste, Erdaufwurf an Apsisseite; vor dem Eingang zwei Linden)
4. Schlagles (an SO-Seite noch etwa 2m hoch)
5. Dietreichs (Ruine gut zu finden, aber nicht als Kapelle erkennbar)
6. Mannshalm (Nordseitig teilweise noch Fundamente sichtbar)
7. Kühbach (Mauerreste teilweise noch vorhanden)
Die Kapellen in Flachau und Reichhalms wurden abgetragen!!!

Die übrigen 8 Kapellen, deren genaue Standorte von Herrn Johann Widhalm, Thaua, und mir noch nicht gefunden werden konnten: Äpfelgschwendt, Klein-Haselbach, Klein-Kainraths, Söllitz, Brugg, Heinreichs, Schwarzenreith, Strones.

 

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